Patientensicherheit im Klinikum – Was heißt das überhaupt?

By: | Tags: | Comments: 0 | Februar 17th, 2020

Alle medizinischen und politischen Experten stimmen überein: Die Qualität der Gesundheitsversorgung steht und fällt mit der Patientensicherheit. Mit der weltweiten Bewegung „World Alliance for Patient Safety“, die sich als Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation der Reduktion vermeidbarer Risiken in der Gesundheitsversorgung widmet, gewinnt das Thema Patientensicherheit seit 2004 immer größere Bedeutung. In Deutschland hat sich im Jahr 2005 das Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. (APS) aus dieser weltweiten Bewegung entwickelt und arbeitet seitdem stetig an der Definition von Handlungsempfehlungen für Patientensicherheit in Deutschland. Das APS ist ein wichtiger Ansprechpartner für Politik, Wissenschaft und Forschung (https://www.aps-ev.de/).

Doch was bedeutet Patientensicherheit im Alltag eines Klinikums? Welche Standards gelten und was muss das Personal beachten? Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der zur Ecclesia Gruppe gehörenden GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH und Experte für Patientensicherheit, äußert sich im Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor und Chefarzt der Kardiologie, Dr. med. Lutz Dammenhayn, und dem Pflegedirektor Jörg Hake vom AGAPLESION EV. KLINIKUM SCHAUMBURG gGmbH zur Patientensicherheit in deutschen Kliniken. Dabei sind sich die drei Experten einig: In Deutschland arbeiten die Krankenhäuser bereits auf einem hohen Sicherheitsniveau.

Patientensicherheit im Klinikum – Was heißt das überhaupt?

Dr. Peter Gausmann: Es bedeutet, Komplikationen und Risiken, die nicht in der Natur des jeweiligen Eingriffes liegen, zu vermeiden. Weltweit beschäftigt man sich mit Methoden und Möglichkeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Patientensicherheit ist immer ein Ergebnis aus den Aktivitäten des Qualitäts- und des Risikomanagements der Kliniken. Bundesweit können Patienten in Deutschland deshalb Sicherheit im Bereich von Diagnostik, Therapie und Pflege erwarten: Patientensicherheit ist aus meiner Sicht Patientenrecht. Doch egal wie hoch die Standards der Patientensicherheit sein mögen, keine medizinische Behandlung, sei es die Blutabnahme beim Hausarzt oder eine schwere Operation, wird jemals völlig risikofrei sein. Deshalb müssen Patienten immer individuell aufgeklärt werden.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. entwickelt zahlreiche Inhalte zum Thema Patientensicherheit – welches sind für Sie die wichtigsten im Klinikalltag?
Dr. Peter Gausmann: Eine schwierige Frage – der Themenbereich ist unheimlich breit gefächert. Drei besonders wichtige Fokusthemen im Krankenhaus sind für mich:

– die Arzneimitteltherapiesicherheit – also die Frage, wie erhält der richtige Patient das richtige Medikament in der richtigen Dosierung zum richtigen Zeitpunkt
– die Diagnosesicherheit und Therapieplanung – denn nur mit einer sicheren und in relativ kurzer Zeit festgelegten Diagnose kann auch die richtige Therapie erfolgen
– sowie alle Inhalte rund um die Krankenhaushygiene.

Und was tut man im Klinikalltag in diesen Bereichen?


Dr. Lutz Dammenhayn: Alle drei Themen sind im ärztlichen und auch im pflegerischen Bereich alltäglicher Bestandteil der Arbeit.
Im Schaumburger Klinikum arbeiten wir sowohl mit dem AGAPLESION Hygieneinstitut als auch mit dem Deutschen Beratungszentrum für Hygiene zusammen: Wir werden regelmäßig durch einen speziell ausgebildeten Krankenhaushygieniker betreut. Dieser berät uns zu Hygienefragen, informiert und diskutiert mit uns die neuesten Standards. So erhalten wir beim Thema Hygiene stetig neue Impulse und kochen nicht nur im eigenen Saft. Unsere hygienebeauftragten Ärzte setzen in enger Zusammenarbeit mit der Pflege die Vorgaben im Stationsalltag um.


Jörg Hake: Genau, auch im pflegerischen Dienst gibt es Hygienebeauftragte – so genannte Link Nurses (Hygienebeauftrage in der Pflege). Diese Qualifikation erreicht man nur durch eine umfangreiche Weiterbildung mit Prüfung. Auch sie achten gemeinsam mit speziell ausgebildeten Hygienefachkräften auf die Einhaltung und Umsetzung der definierten Hygienestandards.

Und wo ist die Pflege noch verantwortlich für die Patientensicherheit?
Jörg Hake: Alle Pflegekräfte sind während ihrer gesamten Arbeitszeit maßgeblich für die Patientensicherheit verantwortlich. Wenn wir an die drei Themen denken, die Dr. Gausmann ansprach, sind zwei Aspekte besonders wichtig: Im Bereich Arzneimitteltherapiesicherheit trägt jede Pflegekraft eine hohe Verantwortung bei der Bereitstellung der verordneten Medikamente. In unserem Haus heißt das ganz praktisch: Kein Medikament darf ohne Vier-Augen-Prinzip ausgegeben werden. Während die eine Pflegefachkraft die Medikamente zuordnet, kontrolliert eine weitere, ob jedes Medikament in der richtigen Dosierung dem richtigen Patienten zugeteilt worden ist.
Ein weiteres Beispiel sind die Beauftragten für die medizinischen Geräte, z. B. für die Perfusoren oder OP-Narkosegeräte. Diese dürfen nicht ohne eine entsprechende Einweisung, die detailliert dokumentiert wird, bedient werden. Wir haben auf jeder Station einen Beauftragten für die medizinischen Geräte, damit sichergestellt ist, dass neue Mitarbeitende sofort geschult werden können. Können wir nicht selber schulen, sorgen die Beauftragten dafür, dass ein externer Experte kommt, bevor der Mitarbeitende das medizinische Gerät bedient.

Dr. Gausmann nannte noch das Thema Diagnosesicherheit– Wie wird in einer akuten Notfallsituation schnell die richtige Diagnose gefunden?
Dr. Lutz Dammenhayn: Notfälle erreichen uns über die Zentrale Notaufnahme. Dort erfolgt die Einstufung nach dem Manchester Triage System – das ist ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung der Notfallsituation. Mit diesem System legen unsere Experten sicher und nachvollziehbar Behandlungsprioritäten fest. Nach der Ersteinschätzung schauen sich ein Aufnahmearzt und ein Facharzt den Patienten gemeinsam an und legen den Behandlungsplan fest. Hier arbeitet also ein multiprofessionelles Team, was zusätzlich zu der breit gefächerten Expertise unserer Fachabteilungen ein hohes Maß an Sicherheit und eine schnelle Diagnosesicherung mit sich bringt.

Und unabhängig von einer Notfallsituation?
Dr. Lutz Dammenhayn: Jedem Patienten steht im Klinikum Tag für Tag ein extrem hohes Maß an Wissen und Sicherheit zur Verfügung, denn in verschiedenen Gremien und Konferenzen werden alle Fälle diskutiert und besprochen. Besonders bei seltenen oder Tumorerkrankungen ist dieses Vorgehen sehr wertvoll: Es kümmert sich nie nur ein Arzt um einen Patienten, sondern ein multiprofessionelles Expertenteam, das mit dem geballten Expertenwissen die beste Therapie diskutiert und festlegt.
Dr. Peter Gausmann: Die Besprechung eines jeden Falls fängt schon bei der Visite an: Man kann sagen, jede Visite im Team hat das Ziel, die Patientensicherheit zu erhöhen. Und wie Dr. Dammenhayn sagt: Vieles läuft zusätzlich noch im Hintergrund und nicht immer direkt am Patientenbett ab.

 

AGAPLESION
EV. KLINIKUM SCHAUMBURG
gGmbH
Zum Schaumburger Klinikum 1
31683 Obernkirchen-Vehlen
Tel. 05724 9580-0

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